Wir freuen uns sehr, diese cthuloide Kurzgeschichte von Andreas Plöger veröffentlichen zu können. Sie wird sicher nicht die letzte in der “Edition Cthulhus Ruf” bleiben. Wir wünschen schauriges Vergnügen und einen guten Start in die Woche.

Grau in grau erschien die Welt, nur von den Farben irgendwo über dem Meer wütender Blitze gebrochen. Jeder einzelne Regentropfen wog schwer, die Kopfhaut schmerzte schon länger. Hätte er darauf vertrauen können, dass sein Sohn die Boote ausreichend gesichert hat, dann wäre ihm der Weg zum Strand erspart geblieben. Die schweren Gummistiefel sanken in den schlammigen Untergrund ein. Gieriges Schmatzen begleitete jeden seiner Schritte. Das Peitschen des aus allen Himmelsrichtungen herunter brechenden Regens und das stete Himmelsgrollen erzeugten eine lärmende Kakophonie, wie er sie schon Jahrzehnte nicht mehr vernommen hatte. Endlich betrat er den Strand. Der Regen schien mittlerweile horizontal zu fallen. Er hob seinen Arm, um das Gesicht zu schützen und watete voraus. Sehen konnte er kaum etwas. „Shiet!“, schrie er in seine Arm – dann stolperte er über eine Metallkette und fiel zu Boden. Der Regen prasselte auf seinen gelben Regenschutz. Sein Gesicht lag im Schlamm. „Shiet, Shiet, Shiet!“ Er sprang auf, wischte sich wütend über die Wange und starrte verblüfft in den Himmel. Einige Meter über ihm schwebte eines seiner Boote nahezu senkrecht in der Luft, nur noch durch die schweren Eisenketten an einem Betonpfeiler gehalten. Er strauchelte. In der Regenwand konnte er über der Meeresoberfläche weitere dunkle Schemen ausmachen. Elektrische Fasern durchzuckten eine besonders dunkle Wolkenformation; ein Blitz tauchte den Strand für Millisekunden in gleißendes Licht. Ihm war, als hätte er eine von einem eigenartigen Rot durchwirkte Kugelformationen gesehen, auf die das Heck seines Schiffes zeigte. Er ging wenig Schritte rückwärts und stieß wieder an die Kette, an der er sich diesmal zitternd festhielt. Regentropfen zerplatzten auf seinem Plastikhut und klangen wie das statische Rauschen eines alten Fernsehers. Ein Schiff, das senkrecht am Himmel hing! Was ging hier vor? Phantasierte er? Angst durchfuhr ihn, als er an den alten Schliesinger erinnert wurde. Der alte Seemann hatte auch plötzlich unerklärliche Dinge gesehen. Drei Wochen später stellte der Arzt Schliesingers Sterbeurkunde aus. Eine Obduktion sollte später feststellen, dass er an den Folgen eines Gehirntumors gestorben war. Krebs? Ein schwebendes Boot war keine simple optische Täuschung, etwas derart surreales konnte sich nur ein befallenes Gehirn ersinnen. Wie dieser kranke Maler, Dali. Seine Frau mochte Dali und hatte ihn einst zu einem Besuch einer Ausstellung gezwungen; aber jetzt wusste er, dass auch Dali nur ein kranker Mann gewesen war – so wie er selbst. Beinahe hatte er Mitleid. Wie lang dieser Mensch gelitten haben muss! Dann lieber ein kurzer und schmerzloser Abgang wie der des alten Schliesinger. Er musste schmunzeln, während erste Tränen seine Wangen herunterliefen und im konstanten Strom des horizontalen Regens aufgingen. Seine arme Familie. Er schüttelte den Kopf und schickte sich an, zu seinem Haus zurückzukehren. In diesem Zustand das Boot zu befestigen, wäre zu gefährlich. Ein konstanter Luftsog zog an ihm, als ob das Meer ihn nicht loslassen wollte. „Da musst du dir etwas besseres einfallen lassen, Wellenmann!“, fauchte er in Richtung Brandung und kämpfte sich weiter vorwärts, bis er endlich das vertraute grün-braune Schlammbecken seines Gartens erreicht hatte. Der Sog ließ nach, der Regen blieb und hatte sich scheinbar entschieden, wieder normal zu regnen und die surrealen Albernheiten zu beenden. Oder lag es an seinem Gehirn? Mit verklumpten Schuhen stapfte er in das „Letztes Haus vor dem Meer“, wie es die Nachbarn nannten. Er bevorzugte „Das erste Haus vor dem Meer“, wenn auch das nichts an der Beliebtheit des anderen Namens ändern wollte. Merkwürdigerweise wollte der Lichtschalter nicht funktionieren. Er griff nach dem Telefon. Ihm war schwindelig, er brauchte einen Arzt. Kein Wartezeichen, nichts. Auch sein Mobiltelefon wollte nicht – aus dem Hörer drang ein Knistern. Das Display blieb schwarz. Sein Herz begann zu rasen, er atmete schneller und schneller. Dann fiel er.
Das alles erdrückende Grau wurde eine Nuance dunkler.
Als er wieder zu sich kam, schien seine Zunge in seiner ausgetrockneten Mundhöhle festzukleben, die von einem ekelerregenden Geschmack belegt war. Es war finster um ihn herum, möglicherweise Nacht. Das Rauschen des Wassers war noch da, wie auch das bedrohliche Mahlen des Unwetters. Kein Licht schien durch das große Fenster und die Stromverbindung war scheinbar weiterhin unterbrochen. Er war allein. Seine Frau hätte schon längst zurück sein müssen. Auf allen Vieren leise tastend bewegte er sich in Richtung Küche. Dort mussten Kerzen sein. Schnell wurde er fündig und zündete jede an, derer er habhaft werden konnte. Er nahm die größte und dickste – ein selbstgedrehtes Weihnachtsgeschenk seiner Enkel – und humpelte zum Sicherungskasten. Sein Gesicht war schmerzverzerrt – er musste sich sein linkes Bein verdreht haben. Im fahlen Schein wirkte sein erstes Haus am Meer fremd, als ob hier lange niemand mehr gelebt hätte. Ein Sammelsurium materieller Erinnerungen, zusammengehalten von roten Ziegelsteinen. Sämtliche Sicherungen waren intakt. Wahrscheinlich handelte es sich um einen großen Stromausfall. Den letzten hatte er vor über zehn Jahren erlebt. Selbst die Signalleuchten der Windräder waren ausgefallen; das Dorf am Horizont lag im Dunkeln. Oder war die Regenwand so dicht, dass man es schlicht nicht sehen konnte? Er fuhr zusammen, als ein unglaublicher metallischer Lärm vom Strand aufkam. Die Boote! Wie von Sinnen hastete er hinaus, mehr stolpernd als laufend. Die Schmerzen in seinem Bein waren unerträglich, aber das konnte ihn nicht aufhalten. Zwischen den Wolken konnte er erneut rötlich pulsierende Kugelformationen ausmachen – klar und deutlich. Die Eisenketten hingen weiterhin in der Luft. Das Boot war verschwunden. Ohrenbetäubender Krach umgab diese bizarre Gestalt, die so atemberaubend schön wie beängstigend war. So etwas hatte er und – so war er sich sicher – noch kein Mensch vor ihm gesehen. Selbst Dali nicht. War er vielleicht doch nicht krank, der Krebs die eigentliche Einbildung? Er lief weiter auf das Wasser zu. Wie durch einen versteckten Vorhang betrat er ein trockenes Areal. Er drehte sich erstaunt umher, denn hören konnte er ihn noch. Außer ihm war der Strand menschenleer. Nur die schweren Eisenketten waren zu sehen, die in Richtung der rötlichen Kugeln ragten. „Was zum Teufel geht hier vor?“, rief er. Seine Stimme ging in dem metallischen Albtraum unter. Das Licht der Kugeln pulsierte schneller, wurde intensiver, während die Metallketten sich im Takt der Lichtfrequenz wanden. Nach kurzer Zeit begannen auch sie zu pulsieren – auf eine Art und Weise, wie er es für unmöglich gehalten hatte. Die bis zum Anschlag gespannten Ketten sahen aus – nein, fühlten sich an!, als würden sie zu einem gewissen Punkt nicht sein, und zum Höhepunkt in einer nie erlebten Weise sein. Das Lärmen wurde unerträglich, paralysierte ihn, während jene bizarren Zustandsveränderungen immer schneller wurden. Er musste sich übergeben. Zitternd fiel er auf die Knie. Ein müdes Keuchen entwich seinen Lippen. Aufblickend, meinte er in der Ferne die Umrisse eines U-Bootes ausmachen zu können, das schräg am Horizont hing und sich auf die Kugelformation zuzubewegen schien. Er verdrehte die pochenden, blutunterlaufenen Augen. Jäh wurde sein Körper hin und her geworfen. Die Frequenzen überschlugen sich. Sein. Nicht sein. Eins. Null. Am nächsten morgen war der Strand leer. Was blieb, war das erste Haus vor dem Meer.
© 2013 Andreas Plöger, mpervere@umbkollektif.com




Gefällt mir, fantastische Bilder.
Schön ge-/beschrieben! Gefällt auch mir sehr gut.
Nur eine winzige Kleinigkeit: Z.7 “eine lärmende Kakaphonie”?
Eher eine Kakophonie, oder? Besser kurz noch berichtigen …
Sich für die Klugscheißerei entschuldigend
M.B.
Danke, ist berichtigt.
Danke für die Geschichte. Bin irgendwie über ein paar ‘Stellchen’ im ersten Absatz gestolpert, aber insgesamt hat mir die Geschichte gut gefallen, da die Bilder im zweiten Absatz wirklich sehr schön sind.
Mein größter Kritikpunkt ist der Vergleich mit Dali. Ich verstehe die Idee bei dem Vergleich zwar, doch so richtig Rund fühlt er sich nicht an.
Evtl. weil ich persönlich die Fähigkeit, surrealistische Kunst zu erzeugen oder gar die Bilder selbst, sowie den Größenwahn von Dali nicht beängstigend genug finde, um sie mit der Situation der agierenden Figur zu vergleichen.
Also:
Ich würde gerne mehr Kurzgeschichten dieser Art lesen, hat mir gut gefallen.
war ein guter start in die woche
bitte mehr davon.